Heilungsprozess

»Hätte ich das bloß schon früher gewusst!« Häufig höre ich diesen Satz aus dem Mund einer Patientin oder eines Patienten, nachdem sich ein sehr tiefes, essentielles Gefühl gezeigt hat und gelöst werden konnte. Deshalb möchte ich hier eine Lanze für den Heilungsprozess als solchen brechen, denn jede Form der Heilung vollzieht sich in vielen einzelnen Schritten, die alle aufeinander aufbauen. Es gibt vier gute Gründe warum sich dieser Prozess nicht abkürzen lässt – und das gilt in ganz besonderem Maß für den Heilungsprozess psychosomatischer Erkrankungen!

Erster Grund: Vertrauen ist die Basis für die Heilung

Gerade für den psychosomatischen Heilungsprozess braucht es neben Geduld vor allem Vertrauen. Damit die Seele mitarbeiten kann und sich ihre Themen zeigen können, sind Vertrauen und Sicherheit die essentielle Basis – oder anders ausgedrückt: Nur in einer sicheren Umgebung und einem zuverlässigen Umfeld können die schwierigen Themen ins Bewusstsein aufsteigen.

Manche Menschen versuchen ihren Heilungsprozess durch den Wechsel der Methoden zu beschleunigen. Und tatsächlich erleben sie aufgrund unterschiedlicher Ansätze auch andere und immer wieder überraschende Erkenntnisse. Wenn wir aber Weg und Methode zu oft wechseln, kommen wir nirgends an.

Der Grund: Die Seele oder das Unterbewusstsein brauchen Sicherheit, Zuverlässigkeit und Vertrauen, bevor sie sich öffnen und auch die heiklen Themen und Gefühle an die Oberfläche gelangen können.

Eine sichere und zuverlässige Umgebung entsteht zum Beispiel durch Regelmäßigkeit und einen emotional verlässlichen Rahmen, in dem man sich geschützt und gewürdigt fühlt. Das können regelmäßige Spaziergänge sein, der wöchentliche Besuch einer Gruppe, die sich zu Familienaufstellungen oder Qi Gong, zum Singen oder zur Atemmeditation trifft, aber auch regelmäßige Therapiesitzungen bei einer festen Therapeutin oder Therapeuten. Idealerweise finden diese Termine immer am selben Wochentag und zur selben Stunde statt. Dadurch kann nach und nach eine innere Dynamik entstehen, die dann zwischen den Terminen für die notwendige Aufarbeitung und viele neue Erkenntnisse sorgt.

Zweiter Grund: Heilung ist ein Erkenntnisprozess

Jede neue Erkenntnis erweitert das Bewusstsein und öffnet den Blick auf weitere Räume. Wir können einzelne Schritte des Heilungsprozesses nicht einfach überspringen, denn sie bauen alle aufeinander auf. Nur weil wir den ersten Schritt gemacht haben, wird der zweite möglich und so weiter. Für einen soliden Heilungs- oder Selbstheilungsweg, der am Ende auch den Herausforderungen des Lebens standhält, ist es notwendig, diesen Weg von Anfang bis Ende vollständig zu gehen. Alle Gefühle, die sich zeigen und alle Erkenntnisse, die wir auf diesem Weg gewinnen wollen ernstgenommen und wertschätzt werden – auch wenn sie unbequem oder schmerzhaft sind. Jetzt gilt es dranzubleiben.

Vielleicht hast du das auch schon mal erlebt: Nachdem du dich intensiv mit einem bestimmten Problem oder Gefühl beschäftigt hast, kommst zu einer wirklich tiefgreifenden Erkenntnis. Durch diese Erkenntnis siehst du jetzt viele Bereiche in deinem Leben mit ganz anderen Augen. Nun erst bemerkst du, in wie vielen Situationen – und auch Beziehungen – dieses Problem oder Gefühl immer wieder auftaucht. Dadurch wiederum bist du in der Lage das Problem auf einer tieferen Ebene zu erforschen, sodass du weitere Zusammenhänge erkennst.

So oder so ähnlich verlaufen psychosomatische Heilungs- und Wachstumsprozesse. Der Grund: Unser Gehirn und unser Bewusstsein entwickeln sich ständig weiter.

Diese Weiterentwicklung vollzieht sich jedoch nicht linear sondern in Form einer ganzheitlichen Erweiterung: Das Bewusstsein weitet sich sozusagen in alle Richtungen aus: Erst wenn die eine Tür geöffnet wurde, können sich weitere Türen öffnen. Auf die Weise tauchen dann zusätzlich ganz unerwartete Gefühle oder Themen auf, die uns vorher – in diesem Zusammenhang – gar nicht bewusst waren. Ganz oft gesellen sich dann auch noch Ereignisse oder überraschende Wendungen von außen dazu, die »ganz zufällig« unseren Heilungsweg auf vollkommen unerwartete Weise unterstützen.

Dritter Grund: Das seelische Gleichgewicht gibt den Takt vor

Innerhalb des oft sehr intensiven Heilungsprozesses begrenzt die seelische und psychische Belastbarkeit den individuellen Weg der Heilung, denn das Unterbewusstsein weiß genau, wie viel Erinnerungen, alte Gefühle und emotionalen Stress ein Mensch jeweils vertragen beziehungsweise verdauen kann.

Besonders bei Menschen, die sehr frühe seelische Verletzungen erfahren und bei solchen, die sogenannte Entwicklungstraumen erlebt haben, ist es ganz wichtig, dem inneren Tempo der Seele zu folgen und nicht zu versuchen mithilfe irgendwelcher Techniken oder theoretischer Konzepte, die Selbstschutzmechanismen zu »knacken« oder den Heilungs- und Erkenntnisprozess zu beschleunigen. Einerseits ist es nicht nötig und andererseits kann das neue Entwicklungstraumata erzeugen.

Negative Gefühle, die wir erfolgreich verdrängt hatten, um einfach weiterzumachen, fühlen sich, wenn wir sie im Zuge eines psychosomatischen Heilungsprozesses wieder erleben, zunächst genauso bedrohlich und belastend an, wie damals, als sie akut waren!

Deshalb zeigen sie sich erst dann, wenn wir eine ausreichende seelische Stabilität erlangt haben. In meiner Praxis begegnen mir Menschen, die mit 40 oder 50 Jahren endlich die seelische Reife und Stabilität erreicht haben, um sich ihren tiefen seelischen Verletzungen zu stellen. Frauen und Männer, die nun, da sie Stabilität durch ihre eigene Familie und in ihrem Beruf finden, die Kraft aufbringen können sich den Geistern der Vergangenheit zu stellen.

Jetzt kann man natürlich sagen: »Das hat aber ganz schön lange gedauert!« Doch diese Bewertung übersieht, wie tiefgreifend und existentiell bedrohlich manche Gefühle und Verletzungen sind.

Denn durch Erlebnisse wie mangelnde seelische Geborgenheit, Verlassensein, Einsamkeit, Ablehnung oder emotionalen Stress aufgrund emotionaler, verbaler oder körperlicher Gewalt, vielleicht sogar durch Menschen, die wir im Grunde unserer Seele liebten, entstehen innere Konflikte, die uns bis an die Grenzen unserer Belastbarkeit bringen und entsprechend krank werden lassen. Deshalb ist es für viele Menschen sehr schwer, an diese Erinnerungen und Gefühle überhaupt heranzukommen.

Das Unterbewusstsein, unsere Seele, weiß aber genau, wie viel wir verTRAGEN können. Und auch, wenn du dich manchmal im Angesicht der alten Gefühle und Erlebnisse, die im Zuge eines psychosomatischen Heilungsprozesses auftauchen können, bis ans Äußerste herausgefordert und belastet fühlst: Deine Seele weiß, wie viel sie dir in jedem Moment deines Heilungsweges zumuten kann. Besonders, wenn man aufgrund äußerer Umstände nicht so belastbar ist, zeigen sich kaum Themen oder man verliert irgendwie das Interesse an dem Heilungsweg.

Wenn du also im Moment starkes Interesse an deiner Geschichte und deiner Heilung hast – herzlichen Glückwunsch! Jetzt bist du stark genug, um deine psychosomatischen Heilungsweg zu beschreiten.

Ich habe das in der Praxis mehrfach sehr eindrucksvoll bei werdenden Eltern erlebt. Ab dem Moment, in dem ein Paar erfährt, dass es ein Kind erwartet, entsteht bei vielen ein starkes Bedürfnis danach, die eigenen Kindheitserlebnisse zu verarbeiten – bevor es soweit ist und sie selbst Vater oder Mutter werden.

Oft ist die Therapie dann sehr intensiv und endet etwa acht Wochen vor der Geburt ziemlich abrupt. Es ist, als ob alles, was gesehen und geheilt werden muss, noch schnell an die Oberfläche drängt. Doch sobald die Geburt kurz bevorsteht, wird alle Energie für den »Nestbau« und die letzten Vorbereitungen benötigt – und die tiefe Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit ist nicht mehr so wichtig.

Sei unbesorgt: Du kannst dich vollkommen auf dein Unterbewusstsein verlassen! Es ist immer mit an Bord. Es schenkt dir Einsichten und Gefühle und es beschützt dich gleichzeitig vor Überforderung.

Vierter Grund: Wiederholungen sind Teil der Heilung

Ein seelischer Heilungsprozess verläuft in Spiralen. Manchmal haben wir das Gefühl uns immer wieder an denselben Themen oder Problemen abzuarbeiten, aber in Wirklichkeit schauen wir jedes Mal aus einer ganz neuen Perspektive, denn wir haben uns mit jedem Durchgang weiterentwickelt. Dieses Phänomen wird besonders oft übersehen, obwohl es doch so wichtig ist, denn es dokumentiert in Wirklichkeit unsere Entwicklung!

Und irgendwann kommen wir an den Punkt, bei dem es »Klick« macht. …

Ich habe das selbst schon erlebt: Da arbeite ich wochenlang an einem bestimmten Thema, mache Übungen, meditiere, mache Familienaufstellungen und dann … treffe ich auf diese übergriffige Frau, die versucht mir ihre Bewertungen und Projektionen überzustülpen … oder diesen Mann, der über den »Mitleidsknopf« meine Grenzen unterlaufen will … Plötzlich höre ich mich sagen »Ich muss los!« und der Drops ist gelutscht! Keine Diskussion, kein Kampf, keine Beleidigungen – nichts dergleichen war nötig, um die Situation aufzulösen. Der Satz kam einfach und ohne nachzudenken aus meinem Mund.

Nun könnte sich mein Bewusstsein darauf konzentrieren, dass ich schon wieder in so eine Situation geraten bin. Oder es feiert mit mir den Erfolg, also die Tatsache, dass es mir diesmal gelungen ist mein Thema zu meistern indem ich die Situation ganz spontan aufgelöst habe. Für beide Personen wurde ich auf diese Weise uninteressant, denn durch meine klare Abgrenzung bot ich ihnen keine Bühne mehr für ihr Projektionen und Bedürfnisse. Stattdessen lerne ich seither mehr Menschen kennen, die auch an sich arbeiteten und sich genauso wie ich darin übten, ehrlich zu ihren Wünschen und Bedürfnissen zu stehen.

Dein Bewusstsein ist grundsätzlich darauf ausgerichtet dich zu beschützen: Es »schaut« auf die Probleme. Deshalb ist es eine sehr wertvolle Übung, sich auch die Erfolge immer wieder bewusst zu machen. Das gilt ganz besonders, wenn du eine strenge innere Stimme hast, die dazu neigt alles zu bewerten. Nimm dir Zeit, um deine Erfolge wahrzunehmen und sie zu feiern.

Durch ständige Wiederholung gelingt es unserem Gehirn nicht nur schreiben und rechnen, sondern auch neue Verhaltensweisen und neue Gefühle zu erlernen.